Woher kommt der Mut, Pasquale Virginie Rotter?

Dehnen. Strecken. Den Brustraum abklopfen. Sich einmal so richtig ausschütteln. Wie gut das tut. So beginnt einer der dreistündigen Termine, bei denen wir – angeleitet und begleitet von Pasquale Virginie Rotter – versuchen, gemeinsam unsere Konferenz für Engagement, New Work und systemischen Wandel im September 2022 zu verdauen. Nach Monaten sind uns die Fragen noch total präsent: Warum gab es weder Awareness-Konzept noch Awareness-Team? Wieso haben wir nicht daran gedacht, dass für einen Menschen im Rollstuhl der Empfangstresen zu hoch war? Welche Situationen eskalierten? Wie gehen wir damit um und was nehmen wir mit?

Während Pasquale Virginie Rotter uns Organisator*innen der Tagung durch den Prozess zur Konferenz-Nachbereitung führt, erhalten wir die Möglichkeit uns bewusst zu werden, in welchen Strukturen wir gefangen sind.

Pasquale Virginie Rotter hat selbst eine Session gegeben auf der Konferenz. Kurz danach hatte Barbara Djassi die Gelegenheit, Pasquale um Eindrücke von der Konferenz und der eigenen Session zu bitten und vor allem mehr über Empowerment in Motion zu erfahren.

Sich verbinden im geschützten Raum

Du hast auf der Konferenz eine Session mit dem Titel “Empowerment in Bewegung” angeboten. Worum ging es da?

Empowerment in Bewegung/Empowerment in Motion ist der Ansatz, den ich seit zehn Jahren praktiziere und bei dem es darum geht, sich in klassischen Empowerment-Räumen – in denen vorwiegend sprachbasiert gearbeitet wird – auf Bewegung und Körper zu konzentrieren. Dabei werden Bewegungsimprovisation, Körperarbeit, Tanzimprovisation und alle möglichen Sinne, die zur Verfügung stehen, eingesetzt.

Bei der Konferenz ging es im Grunde erstmal darum, einen Safer Space zu schaffen für Menschen, die von Rassismuserfahrungen betroffen sind, auch in eurem Kontext, den ich schon als überwiegend privilegiert wahrgenommen habe und als weiß.

Es ging also um einen geschützteren Raum in diesem Kontext. Und “geschützter” impliziert, dass es irgendwas gibt, wovor wir uns schützen müssen, dass es irgendeine Form von Bedrohung gibt. Diese Bedrohung ist keine punktuelle, die mal irgendwie passiert. Vielmehr kann es grundsätzlich als unsicher erlebt werden, sich in einem Kontext als einzige oder eine von wenigen rassismuserfahrenen Personen zu bewegen. Das kostet Kraft und Energie.

Und bei dem Empowerment-Ansatz, von dem meine Arbeit stark geprägt ist, geht es darum, Räume zu schaffen, wo Leute für sich sein können und darin selbstbestimmt sind. Also, dass eben keine weiße Person – wie das zum Beispiel oft in der internationalen Zusammenarbeit ist – dann doch immer die letzte Entscheidungsmacht hat, was in dem Raum passiert, welcher Inhalt da wichtig ist oder was letztendlich mit dem Geld passiert. Einen Raum oder Kontext zu kreieren, der tatsächlich frei von Fremdbestimmung ist, würde in dem Fall bedeuten, dass weiße Menschen ihre Entscheidungsmacht oder ihre inhaltliche Gestaltungsmacht abgeben.

Die Tatsache, dass Safer Spaces kreiert werden, um irgendeine Form von Gefahr, Bedrohung und Anstrengung bewusst rauszuhalten, die in weiß dominierten Räumen stattfindet, führt natürlich auch dazu, dass wir in diesen Räumen oft einer großen Erschöpfung oder einer großen Müdigkeit begegnen, ebenso wie Wut oder Trauer als zwei Gefühlen, die durch Rassismus ausgelöst werden.
Pasquale Virginie Rotter

In dem Moment, wo wir einander sehen und vielleicht auch feststellen, dass wir gar nicht alleine sind, sondern dass es viele, viele Menschen in verschiedenen Kontexten und Institutionen gibt, die das Thema Rassismus ernst nehmen, darf selbstverständlich auch ein Gefühl wie Freude empfunden werden.

Dabei spielt es immer eine ganz große Rolle, wie die Leute in den Raum hineinkommen und was unmittelbar vorher passiert ist. Was ich unmittelbar vorher erlebt habe, streife ich nicht einfach so ab, sondern es prägt den Empowermentraum, insbesondere wenn das Erlebte auch durch Rassismus strukturiert ist.

Eine der Session-Teilnehmenden hat zum Beispiel von einer sehr unangenehmen Erfahrung am Empfang berichtet, die von Klassismus geprägt war. Die Situation hatte ihre Würde als Person, das Ich-bin-absolut-berechtigt-hier-zu-sein, in Frage gestellt. Das ist natürlich eine bedrohliche Sache. Wir können dadurch in einen Modus von Hyperaktivierung kommen, in dem wir uns nicht sicher fühlen. In so einem Modus, der eher von Angst und disconnection geprägt ist, bin ich auch nicht in der Lage, mich mit anderen zu verbinden. Darum ist der Einstieg bei Empowerment in Motion und eigentlich bei allen meinen Formaten die Wieder-Verbindung mit dem Körper und den eigenen Empfindungen im Zusammenhang mit Ko-Regulation.

Durch körperbasierte Arbeit entlernen

Kannst du deinen Ansatz noch ein bisschen näher beschreiben?

Ich ermögliche Räume und Begegnungen, in denen es Verbindung und Berührung geben kann, indem ich schreibe, Performance Lectures gebe, klassisches Training im Kontext politischer Bildungsarbeit anbiete, wo es zum Beispiel um Antidiskriminierung geht. Ich tue das in der Empowermentarbeit mit Menschen, die Rassismuserfahrungen, Sexismuserfahrungen und Heteronormativitätserfahrungen machen. Und ich mache das mit allen möglichen Gruppen in verschiedenen Institutionen als Person, die Prozesse begleitet.

Seit rund 15 Jahren arbeite ich mit Menschen und erlaube mir, nicht jede Minute durchzuplanen, sondern einfach die Menschen, die da sind und ihre Themen wahrzunehmen – weniger auf intellektueller Ebene als vielmehr körperlich, wie wir uns bewegen im Raum, wer sich wie mitteilt, sich körperlich wie offen zeigt. Ich arbeite direkt an den Themen der Teilnehmenden und sehr prozess- und anlassorientiert.

Wenn beispielsweise ein Team an einer Sache gemeinsam arbeitet, aber Konflikte entstehen, weil die Leute unterschiedlich positioniert sind und unterschiedliche Lebenserfahrungen dazu führen, dass sie verschiedene Sachen ausblenden oder eben auf dem Schirm haben, dann bin ich als Prozessbegleiter*in dabei mit dem Wunsch, Berührung und Begegnung zu ermöglichen.

Wenn ich sage, dass ich seit einigen Jahren körperbasiert arbeite, bedeutet das im Wesentlichen, dass ich den Körper als mindestens genauso anwesend wahrnehme wie den Intellekt, unsere Analysefähigkeit, unsere ganze Intelligenz, Schlauheit, Artikulationsfähigkeit, etc.
Pasquale Virginie Rotter

Ich arbeite mit diversen Techniken der somatischen Arbeit, die sich wiederum speisen aus verschiedenen jahrhunderte-, jahrtausendealten Schulen der Transformationsarbeit über den Körper. Transformationsarbeit mit Führung.

In meinem Ansatz steckt tatsächlich meine Erfahrung und Überzeugung, dass wir uns über das Ernstnehmen des Körpers und seiner Sprache, seiner Art, mit uns zu kommunizieren, in die Lage versetzen, ganz andere Lösungen oder Wege zu finden, um Spannungen zu transformieren. Ob das jetzt Spannungen im Inneren sind oder Spannungen im Außen oder an den Schnittstellen.

Es ist ein bewusstes Entlernen davon, den Kopf zu priorisieren. Es wird dabei bewusst verstärkt, den Körper als Wissensquelle zu priorisieren.
Pasquale Virginie Rotter

Woher kommt der Mut?

Diese Frage war das Motto der Konferenz. Was denkst du, woher er kommt, der Mut?

Der Mut kommt auf jeden Fall aus dem Körper, aus dem, was ich körperlich an mir und mit anderen Menschen wahrnehmen kann.

Ein Beispiel: Ich will eine Person ansprechen, habe aber so ein bisschen Angst. Ich weiß nicht, wie das sein wird mit der Person. Es wird etwas Neues passieren. Dann gehts darum, wahrzunehmen, was das körperlich mit mir macht. Ich nehme wahr, dass ich gerade für einen Moment akward rumstehe und mich ein bisschen zusammenziehe, etwas flacher atme. Ich spiele mit dem Gedanken, auf die Person zuzugehen. Und dann kommt der Mut tatsächlich aus der Möglichkeit, diese Spannung, diese Angst, die mich da gerade so ein bisschen erstarren lässt, loszulassen. Indem ich wahrnehme, dass ich gerade die Schultern ein bisschen hochziehe, habe ich die Möglichkeit, sie loszulassen. In der Folge atme ich ein bisschen tiefer. Und mit der dabei gewonnenen Energie kann ich dann auf die Person zugehen. Das ist etwas, was mir jeden Moment zur Verfügung steht.

Der Mut kommt also aus dem Körper, aus der Wahrnehmung und aus diesem Möglichkeitsraum, eine andere Entscheidung zu treffen, als ich es gelernt habe. Eine andere Entscheidung zu treffen, weil mir bewusst ist, was ich vieles automatisiert mache.

Aber das ist nichts, das mir einfach so in den Schoss fällt. Ich habe mir diese Möglichkeitsräume mit jahrelanger Körperarbeit erschlossen.

Apropos Möglichkeitsraum – war die Konferenz einer?

Am Anfang habe ich die Konferenz als einen sehr homogenen Raum wahrgenommen, erst mal in Hinblick auf Hautfarbe. Und dann wurde im Laufe des Tages unsere unglaubliche Fülle an Unterschiedlichkeit sichtbar für mich und wie spannend einfach die einzelnen Menschen sind. Ich habe das als einen sehr offenen und neugierigen Raum wahrgenommen und ich hatte sehr berührende, tiefgehende, inspirierende Gespräche. Was mich sehr berührt hat, war dieses Forum am Ende des Tages, wo Menschen einfach frei sprechen konnten.

Mir hat ein bisschen gefehlt – und das ist auch eine spezifische Rassismuskritik –, sowohl in der Keynote als auch in den Workshops sichtbar zu machen, woher all das Wissen eigentlich kommt. Als wäre das Thema Wellbeing so eine Erfindung von New York. Die ganzen Tools, die wir eingesetzt haben, sind ja nicht vom Himmel gefallen, sondern in ihrem Kern verankert in Jahrhunderte, Jahrtausende alten Traditionen und Wissensbeständen.

Da muss die Rolle Europas im Kontext von Rassismus einfach kritisch angeguckt werden. Ich fände es sehr heilsam, wenn wir uns deutlich auf die Wissensbestände, die sehr lange Zeit sehr abgewertet wurden, beziehen.
Pasquale Virginie Rotter

Eine Rolle spielen dabei vorgeschaltete Mechanismen von Aneignung durch Buchautor*innen, durch Podcast Hosts, also durch die ganze mediale Ebene, wo es ein bisschen um Wellbeing, Achtsamkeit, Körper, Rituale in Gruppen geht. Wir beziehen uns dabei auf etwas und legen die Quellen oft nicht offen. Es gibt da ein mehrstufiges Unsichtbarmachen, woher das Wissen eigentlich kommt.

Wofür wir Mut brauchen

Ich nehme von der Konferenz so eine kleine Trauer mit. Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, wie weiß bestimmte Räume sind, wie wenig divers auch im Hinblick auf Ableismus und Klassismus. Wobei das auch etwas ist, was nicht so groß besprochen wird, weil es sehr mit Scham behaftet ist.

Bei dieser Trauer, dieser immer wieder erneuten, ja fast schon Fassungslosigkeit oder sogar ein klein bisschen Mutlosigkeit frage ich mich: Wie kann es sein, dass so viele Menschen, die Bock haben auf Transformation, einen riesigen Trennung schaffenden Faktor wie Rassismus so wenig auf dem Schirm haben?
Pasquale Virginie Rotter

Und dann ist da aber auch ein wohliges Gefühl, das ich aus dem Empowerment Workshop mitnehme. Und auch wieder Mut, weil ich finde, es ist etwas sehr besonderes – d.h., es ist einerseits sehr besonders und gleichzeitig auch überhaupt gar nicht besonders –, dass es [im Rahmen einer Konferenz] einen Safer Space nur für Black, Indigenous und People of Color gibt in diesem Kontext.

Ich wünsche mir für euch als Team, dass ihr diese Gleichzeitigkeit aushaltet in der Auseinandersetzung mit euch selbst, mit Inner Work im Kontext von Rassismus und den eigenen Privilegien. Das kann sehr verunsichernd sein.

Ich erlebe oft in weißen Kontexten, dass die Beschäftigung mit den eigenen Privilegien alles andere wegwischt. Die Auseinandersetzung kann so heftig sein und so viel Scham hervorrufen, dass die ganze Arbeit komplett entwertet wird. Aber damit ist nichts gewonnen. Es lohnt sich, die Gleichzeitigkeit auszuhalten, dass ich wunderbare Arbeit machen UND noch viel zu Rassismus lernen kann.
Pasquale Virginie Rotter

Auch dazu gab es ein Beispiel bei der Konferenz: Es war tatsächlich so, dass ein*e weiße*r Teilnehmer*in in den BIPoC-Workshop gekommen ist. Ich habe als Space Holder natürlich keine Gesichtskontrolle gemacht, ob jemand BIPoC ist oder nicht. Also, wer bin ich denn, das zu bestimmen? Das kann niemand. Und es kann ja auch sehr schmerzhaft sein, als weiß gelesen zu werden, wenn eine Person Rassismuserfahrung hat.

Im Nachhinein dachte ich mir: Wow, genau das ist Weißsein, dass alle glauben, ihnen stünden alle Räume zur Verfügung und dass sie nicht aufmerksam lesen, was im Programm dazu steht. Und ich will das jetzt komplett entpersonalisieren. Es ist einfach ein Mechanismus. Genauso, wie ich mit meinen Privilegien auch manchmal glaube, die Welt gehöre mir. Schön fand ich, dass die Person nicht in Scham versunken ist, sondern in ihrer Exzellenz geblieben ist, mit dem, was sie tut und mit dem, wie sie auf der Konferenz wirksam war und wie sie mitgestaltet hat. Das ist für mich ein sehr starker Moment, der aber eben auch als Anlass für einen Lernprozess zu sehen ist.

Ich glaube, das ist die Herausforderung für uns, wenn wir uns mit unseren Privilegien auseinandersetzen: diese Selbstgeißelung loszulassen. Diese strafende Instanz ist auch so was spezifisch Deutsches. Sich selbst zu strafen, weil man irgendwas wieder nicht richtig gemacht, wieder Fehler gemacht hat.

Dabei muss ich mich im Hinblick auf Rassismus, Ableismus, usw. immer wieder daran erinnern: Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich habe selbst etwas zu entlernen, das über lange Zeit gelehrt wurde.
Pasquale Virginie Rotter

Wir hatten das große Glück, Pasquale Virginie Rotter nicht nur für unsere Konferenz, den Nachbearbeitungsprozess und dieses Interview gewinnen zu können. Pasquale war obendrein zu Gast in unserer Podcastreihe “Gut genug, um Gutes zu tun?”.

Weitere Ressourcen zu Pasquales Arbeit:

Pasquales aktivistische Arbeit kannst du mit einer Mitgliedschaft auf Steady unterstützen. Du bekommst dafür regelmäßige Inspirationen zu den Themen Somatisches, Emotionen, (Wieder-)Verbindung und Heilung. https://steadyhq.com/de/thelovinggaze/about

Pasquales erster Text zu Empowerment in Motion ist aus 2011 und ist eine der Grundlagen von Pasquale Empowermentarbeit für BIPoC und Somatic Coachings für alle.

Unter dem Stichwort #unlearningoppressionthroughthebody verknüpft Pasquale im Instagram-Projekt @thelovinggaze digitale Selbstporträts jenseits des white gaze mit Körperarbeit und Psychoinformation.

Pasquale Virginie Rotter im Gespräch mit Tupoka Ogette im Tupodcast

Pasquale zu Gast in der Podcastreihe “Hast du alles?” zum Thema “Raum für Körper und Emotionen”

Pasquale Virginie Rotter im Gespräch mit Soziologin Imke Schmincke in der Podcastreihe “Bildung in Rosa”

Pasquales letzte Publikation ist ein Beitrag im lang erwarteten ersten deutschsprachigen Standardwerk zum Thema Adultismus: Rotter, Pasquale Virginie (2022): Kann denn ein kleiner Klaps auf den Kopf Liebe sein? In: Ritz, ManuEla/ Schwarz, Simbi: Adultismus & kritisches Erwachsensein. Hinter aufgeschlossenen Türen. Münster: Unrast.

Veröffentlichung im Herbst 2023: Rotter, Pasquale Virginie (2023): Muskelkater in den Ahnen. „Ja“ zum Körper, Tor zur Befreiung. In: Or, Yari (Hg.): Praxisbuch Transformation dekolonisieren. Ökosoziale Transformation in der sozialen und pädagogischen Praxis. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

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Die erste Folge in der Resilienz-Reihe